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Schluss

                  Lesereise Prosa

 

 

 

 

 

Schuldspruch

 

  Zur Legende starb sie hin am Ende

  gleich zu Beginn des neuen Jahres,

  nachdem die triefend feuchten Wände

  ihres flehenden Gebarens um Unschuld

   mit sich riß der Schwung der vielen

      schreienden, empörten Hände;

Stein um Stein die Argumente,

 

 

 

                                                         die einst der Richter Schuldspruch füllten,

                                          im Fortlauf tausender Momente,

                                      um deren einer sich bemühte,

                                                               abgetragen wurden; Stein für Stein behende

                                       aufgetürmt zu weißer Unschuld

                             - kam sie für sie zu spät,

                                            des aus betroff`nem Richtermund

                                                       rücksichtslosen Schuldspruchs Wende.

                                                 CS 

 

  

 

    

   Sind wir nicht immer Träumende

 

    Sind wir nicht immer Träumende,

    nicht müde Suchende und immer Kräuchende

    aus eines engen Daseins Heckenschlund ?

    nur verstorben hingebettet auf der Wahrheit Grund ?

 

    Die Welt, ein Blühen, Auferleben, Streben,

    sich Verzehren nach dem segensreichen Fund.

 

 

 

Was geschehe, würden endlich wir besitzen

wohin Begehr die Menschheit trieb zu wissen ?

 

Begehrten wir die Lüge dann, besseres

zu vermissen ?

CS 

                       

 

(Ein)leuchten

 

Die häufigeren schweren Stunden  wachsen in die Waldgegenden hinauf.  Erkennbar ihr  Fortschritt an der  Fruchtbarkeit,

die sie wie Menschentrauben nach sich zieht.  Die Wüste ist  dagegen von allen Verwirrungen frei wie die Kanzelandacht

des  Predigers,  dem das  Wort von der  Gehörmanegerie  im  Beetsaal  nicht  zurückgeworfen  wird,  während  draußen,

ausgegrenzter,  der Regen in die  unfruchtbaren  Böden  sickert.  Und doch  fällt das Wort bisweilen auch auf sie und auf

die hinterbliebenen  Mauerreste, die während ihrem  unausweichlichen Zerfall Generationen als Unterschlupf und  Bollwerk

diente gegen das eindringende Inferno der Welt. Denn wahr ist, sind alle im Lichte und leuchten, welche den Finsternissen

und  Schatten  weichen  und die  Ergüsse des  Himmels in ihren  Gärten  empfangen und weniger als ein Dach über dem

Haupte, dass sie mit beiden Händen anfassen, besitzen.

CS

 

 

       

 

Aufschluß über den Leib

 

In der Abendröte vollzieht sich kein Wunder mehr. Nicht, dass man gelegentlich sich danach sehnt, frech die schmutzige

Wäsche  des  Alltags  an  ihren  purpurroten Torso  festzuklammern;  die  minimale  Distanz  gegen   das krumme,  irdene

Rückgrad,  wo die Meere  zu beiden  Seiten nicht abfließen,  gibt dem Licht diese Faszination:  dass das Herz womöglich

nicht allein der motorische Antrieb allen Existierens ist. Die Stille darin, im Beschauen meine ich, in Gedanken daran, das

letzlich keine Schatten mehr in Textielien sind...macht sie unsere Nacktheit überhaupt sinnlich ?

 

Die Nächte  werden wieder einmal von  Schmetterlingen  herbeigezogen.  Ich habe mich an dieses  Bild schon gewöhnt. Ihr

Flügelhauchen  besorgt,  dass ich mich  schlafbereit  fühle.  Die  Gedanken den  Alltag zu vermissen,  habe  ich  verworfen.

Meine Kleider hängen - irgendwo.

 

Ich denke, Nächte sind zu schade, um sie in enge Hosen zu zwängen und fühle mich vom Streicheln des Windes in dieser 

Ansicht bestätigt.  Meine Körpersilouhette, silberhäutig unter der Sichel des Mondes, während das Meer  bergkristallglitzernd

dazwischen meine Wahrnehmung sensibilisiert,  macht einen neuerlichen Horizont...macht, was ich individuenhaft glaubte,

zu einer hypersensiblen, allgemeinzugänglichen Weite.

...und ich bemerke, und es erschreckt mich,wie wenig Raum ich bisher um mich besaß.

CS

 

 

                                                              Nebeltag

 

In dem feuchten, herben Schweben,

das durch Wolken bricht herein,

sucht` ich verzweifelt nach den Erben

des verstorb`nen Gretelein.

 

Furchtbar einsam war die Stund`

in der ich lief durch fremde Gassen,

hielt Ausschau da und hier nach Mund,

der mir verriet in welchen Straßen

der Trauerzug normalerweise

Richtung nimmt zu dem Gelasse

wo die Toten aufgebahrt.

 

 

 

So fand` ich auf verschlung`nem Pfade

des Friedhofs stähl`ne Eingangslade;

betrat in Ehrfurcht das Gelände,

sah bald voraus die kahlen Wände,

- ließen mich zu Gretchen ein.

 

Schauer träufte mir vom Hemde,

schaurig wurd`s in Anbetracht

des Höllenfeuers Schlund am Ende,

des Totenofens schwarzem Schacht.

 

Nelken, Rosen, Kranzgebinde,

sah ich mir durch Tränen an.

In dem Raume herrschte Stille,

wie fühlt` mir`s  um mein Gretchen bang.

 

Einsam krachten die Scharniere,

als ich des Totenhauses Türe

sperrweit zum Anschlag beide Seiten,

um dem Gretchen nachzueilen,

mit heft`gem Stoß hab` aufgetan.

 

Der Totenbetten sah ich viele, und

einsam sucht` ich nach Getriebe,

das mir des Gretchens Leichnam trug.

 

O weh, wie sah ich angespannt,

als ich ein kleines Grüppchen fand

auf meinen Schmerz tief in der Brust.

 

War dort die Stelle ew`ger Ruh`

in der mein Gretchen schwerst versank;

zu Staub und Asche - erdverwandt,

bevor ich ihr mein Liebespfand,

die schönsten Rosen je ich band

und unter meinem Herzen trug,

mit Wehmut in ihr Grabe lud ?

 

Hingegen -

 

in dem feuchten, herben Schweben,

das durch Wolken bricht herein,

fand ich vergebens Gretchens Erben,

Gretchens Grab war gleich daneben,

Gretchens Grab war ganz allein...

 

...und weinend legt` ich Gretchens Rosen

auf Gretchens winziges Gestein.

CS

 

 

 

 

Gebet

Das wir die Zeit nur mit dir verbrächten,

Herr, wie würde die Welt sich entfalten.

Es schlichen nicht ummäntelte, finstr`e  Gestalten

nachts jammernd aus Verließen und Schächten.

 

Und würden Dämonen hassen aus Liebe -

ihre unkenntliche Zahl, ihre besetzten Gebiete

verblieben zerrieben -

zwischen wütenden Winden - Geflüster,

und zürnend erzitterten Flammenlüster,

würde Sturm deines Atems sie wiegen.

 

Und würden Schafe weiden und Ziegen

inmitten Reliquien aus Kriegen und Frieden.

 

Und keines Wert`s  wäre Gold gemessen am Korn,

und kein Unterdrücker, seinesgleichen Tochter noch Sohn,

noch ein Armseliges würde unter Schande geborn,

denn du, Leibhaftiger, du bist.

 

                                                                             Und lägest mit keiner Menschheit im Zwist.

                                                                             Die Welt riß an sich deine tadellose Gebärde,

                                                                             und überwältigend folgt` dir die Menschenheerde

                                                                             heilfindent noch vor deinem jüngsten Gericht.

                                                                                                                CS

 

 

 

 

Anstoß

 

Die Chance die Welt aufzumachen und Gefangene zu entlassen, wird von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang kleiner.

Die Nacht wirft zu viele  Schatten auf,  als das die Tage sie befriedigend  bewerkstelligen.  Implodiert nicht jetzt schon das

komplizierte  Netzwerk Längen und Breiten,  Radar und Raster,  und übt die Drehgeschwindigkeit des Planeten überhaupt

noch Einfluß auf unser Vorankommen aus ?

 

Ich habe zu viele Träume sich in Luft auflösen gesehen. Sind wir deswegen vom atmen schwanger ?

 

Ich lese die Zeilen zurück, die mich ein Buch zum Anfang begleitet. Ich lese Geschichten daraus hervor,  die gegensätzlich

sind,  aber  nicht  ohne  Bedeutung.  Und ich stelle fest:  haben wir  eigentlich  die  Besinnung  verloren,  was  die  Anfänge

vergegenwärtigen ? Es gehen so viele Apokalypsen daraus hervor,dass wir uns den Umstand sie zu realisieren überhaupt

sparen könnten.

CS

                                              

                                              

 

  These einer äußerlichen Weltanschauung

 

  Aus dem Waldesinneren steigt  töricht der Nebel auf,  als ob die Prognosen

  zutreffend wären,welche schon die Vätersväter ersannen: und das Weib sei, 

  vor allen Dingen, die Gebärerin.

  Aber sie haben ihre Überzeugung mit einem Lächeln abgetan und allem

  Namen gegeben, denn die Geschlechtlichkeit Gottes stünde zweifelsfrei

  fest, und die Natur richte sich nicht gegen sie.

  So bedeutete er alles:

 

  DER Gott erhaben über DIE Welt.

  DER Himmel erhaben über DIE Erde.

  DER Berg erhaben über DIE Ebene.

  DER Baum erhaben über DIE Blume.

  DER Halm erhaben über DIE Grasnabe...

  und er nannte sie alle in dem aus weiblicher Sicht diskriminierenden Gefälle und besann sich

  nicht der Geschlechtlichkeit seines Ursprungs,  infolge ( verheerend ) der des Ganzheitlichen

   und göttlichen  Geschenks von dem die Weißheit,  das Licht und die Stimme spricht: und sie

  bedeute euch so viel  wie ich euch bin.  Und nannte das  ebenbürtige Weib   "Die Schöpfung".

                                                                    CS

 

 

 

Würde

 

meine, deine, unser aller

zerbricht

wie Licht im Schatten,

wenn keine Sonne,

nur Finsternis

Bedürfnisse stillt.

          CS                                                                                                    

 

 

 

 

Weltanschauung

 

Im Kreise drehen sich, und zittern alle meine Sinne,

wenn ich nicht in den ausgetretnen Schuhn

vom Vorabend den neuen Tag beginne.

Wieviel Weißheit steckt doch in Bequemlichkeiten,

die willkürlich, glanzlos an den Füßen mir

den Weg bereiten,

in dieser Welt auf engem Raum umherzugehn,

vor des Fensters weltenzugewandter Lichte hinzustehn

und mit erstauntem Blicke anzusehn,

wieviele Menschen meinesgleichen

um mich sind, die vielleicht,

                                                                               um dem Verlust von Weißheit weiter auszuweichen,

                                                                         mit ausgetretnen Schuhn sogar spazieren gehn.

CS 

 

 

 

Die Lerche

 

Im Wechselglanz der Jahreszeiten

behält sie still ihr leuchtend Haupt.

Es ist, als ob in dem Gezweige

ein ewig Schaffender ihr Laub,

als wär`s  von kostbarem Geschmeide,

mit Pinsel, Wattetuch und Seide

rundum erneuert und entstaubt.

 

 

 

                                                                                                  Am schlanken Stamm beginnt ihr Lohen,

                                                                                                  das obenhin in Pracht sich hellt,

                                                                                                  durch ihre immergrünen Glieder

                                                                                                  hab` ich mir Sonnenschein bestellt.

 

Am liebsten möcht` ich drinnen wohnen,

in dieser schimmernd grünen Welt,

im Dutzend stehn sie brav und bieder,

hat sie die Schöpfung ausgestellt ?

 

                                                                                       Nun waren Menschen ihr zu Diensten,

                                                                                       und haben sorgsam ausgewählt,

                                                                                       was den Geschöpfen wohl am liebsten,

                                                                                       besonders mir an ihr gefällt.

 

Es will ihr Duft mir milde lohnen,

weiß ich die immergrünen Kronen

stets zu betrachten als ein Gastgeschenk.

                            CS

 

 

Mona Lisa

 

Es nahm das Klösterliche

hin in ihrem Angesichte

und das Gleichgewichte,

und es gefiel,

weshalb kein Zeitgenosse schrieb:

er war verliebt.

Und während er sie malte, blieb

von ihrem Lächelnnachgesang

doch nur der Heimlichklang

an einen Dieb.

CS

 

 

 

Der Doktor

 

Es sind zu viele ungezählte schmale Wege,

die er vergeblich durch so viele schwere Stunden ging,

allein dass er dabei verlöre, viel mehr, als er an Hoffnung hing,

nahm er zu Liebe des getanen Werkes hin.

 

Den Ergebnissen sah freilich niemand an,

dass er sie unter Schweißausbrüchen und wie im Fieberwahn

und wie mit bloßer Hand aus eines Felsens Mitte nahm,

und noch so vieles,

ungezählt Verschiednes

blieb zurück

und blank und bloß und unerledigt

in den krummen, staubvergilbten Wandregalen

und stapelten sich dort zu Hauf mit denen

an sich selbst erprobten Heilverfahren,

 

die er der Wissenschaft zur Einsicht vorenthielt.

So waren ihm ein Dorn, die Zweifler in den Vortragssälen,

an reißerischer Sprachrhetorik selten überlegen,

und hielten ihn trotzdem für einen Pfuscher, Scharlatan,

und die Machbarkeit von seinen Dingen unseriös von Anfang an,

und der gesetzte Wille zum Vollkommnen, hin zum weiter Vorwärtsstreben,

hielt sich mit ihren Argumenten meißt in sonderbaren Gleichgewichten,

nur ihrem Wesenszug von kriegerischem Auseinandersetzen,

entzog er sich, um nicht der Dummheit dahin jene Tür zu öffnen,

hinter der sich seine Menschenliebe und Furcht vor Gott verbarg.

 

Eines Tages hieß es: wie nur kam es so überraschend, dass er starb.

CS

 

 

 

Ist mir mein Kind mal krank

 

nur noch schmale Schauer Regen

fielen, als hinter mir mein Töchterchen noch schlief,

und benetzten mir das Gartenwegegehen

bis zur Straße knöcheltief.

 

                                        Und taucht` in eine Überfülle

                                        Mensch-des-Weges-gehen Leere ein,

                                        über mir zerstoben Wolkenmeere

                                        mir mein Mensch-zu-Haus Gebliebensein.

 

         So brach der weiten Wege Trennung,

         breiten Häuserfronten Unterbrechung an,

         der im Tagewerk Zeitunterbringung

         horcht keine Stunde Herzgesang.

 

                                       Da fiel ein Sonnenstrahl mir auf,

                                       wie meine Schritte neben mir einher,

                                       folgt` ich dem zielgeraden Lauf

                                       zum Hort des Tagewerks nicht mehr.

 

                                              Als ob zur Umkehr Engelszungen mich bewogen,

                                            Vögel himmelan zu ihres Gleichen mit sich zogen,

                                                                 sog dieser Strahl, nun himmelan voran,

                                            und sog, mein Herz bracht` es zum Glühen dann,

                                               als ich mein Töchterchen in beide Arme nahm.

 

Es schlief, so wie im Märchenschlaf,

der selig hundert Jahre dauern darf.

CS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Autorenhomepage Christian Sander/www.lesezeichen100.de/copyright 2009              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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