Lesereise Novelle

Wilde horchende Seherin
Wilde horchende seherin, gefäß randvoll übelster misere
Ihr manifest allgewaltig zu verkündigen
Getrieben mit meißeln in stein - hieroglyphen
Auf altgriechischem, mystischem pergament
Wo sie geschehen wird in den geburten und nächten
Den blumigsten umständen von liebe und furcht
Während von haß und von der geilheit ausgenommen
Ist das licht in wahrheit die geringste geistige verwirrung
Das weibliche zuletzt das einzigste verbündete kollektiven wahns
Die prunkvollen, emanzipiert konzipierten bauwerke
Eines hierarchischen, hochzivilisierten olymp
Gegen mythen und mächte und anarchie zu verteidigen

Von der versuchung ist der wurm verständnisvollerweise frei
Von der reise über den kontinent der flügellahme albatros
Ist der gedanke, die wilde horchende seherin übelzunehmen
Urtümlich oder ausschließlich intuitiv ?
Ich suche die bäume meiner näheren umgebung auf
Eine sonne verkeilt in chaotisch verflechtetem geäst
Stößt mir eine sternschnuppe gegen die große zehe - autsch...
Das wichtelige wichtige weicht in sonderbarer panischer übertreibung
Der wurm springt galoppierend wie ein junger hengst hintennach
Und wie ein eichkätzchen von ast zu ast verbrennt
Der albatros, der flügellahm zu fuß den kontinent überquert
Ist die sonne, die ich sehe, so furchtbar nah, so heiß...?
Die schwatzhafte nacht wirkt sterblich, idyllisch irdisch
In den schattenhöfen neonblasser lichtkegel dies - und jenseits
Geisterhaft behäuserter straßenlaternen
Der schritt hinterläßt nur einen gläsernen fußabdruck
In dem sonst so unwirklichen gefilde vorauseilender wege
Die zeit mißt diesen schritt und summiert alle maße
Die maße aller bewegungen in der tat wirklichkeitsgetreu
Die wilde horchende seherin verursacht die torheit, den wunsch
Und der traum lastet verheerend auf dem erworbenen sinn für relativität
Die kräutertinktur der heilerin ist neben erkenntnis, forschung und wissenschaft
Siehe - freilich erlebniswert
Die zäune besitzen das joch, die gefängnisse das übelwollende
Der garten des nachbarn ist ein prähistorisches anliegen
Will die pflanze den lateinischen begriff ihrer abstammung überhaupt ?
Will sie ihn wissen ? in büchern verstaubt die geschichte zahllos
Die bibliotheken sind voll davon, miniaturisiert von zeitzeugen
Weder der tod, weder erbarmen haben die geschehnisse verkompliziert
Im gegenteil, sie haben das sterben leichter gangbar gemacht
Die telefonseelsorge im weltweit verzweigten netz
Will sie die wilde horchende seherin mit worten besänftigen ?
Reduziert auf das gehör wird sie den krieg, das ausmaß, niemals verhindern
Ungestraft kommt dieses mitleid, zuletzt vor jahren, nicht davon
Es ist die barriere des mondes, die es zwingt zurückzukehren
In die nächte, in die dunklen kammern stillster orte
In das gehirn, das fassungslos die alten regeln wieder herstellt
Allein du erinnerst dich an das abendrote milde licht der späte
Auf der außenseite dieser welt, wo die gedanken wir hinübertrugen -
Niemals wird die symmetrie unserer geburtsstunde deutlicher zu sehen sein
Das alte wunder ist von geröllen noch aus grauer vorzeit bedroht
Es macht die schmerzhaften gene plausibel, die im fleische ankern
Aber unser eindruck eines langen lebens macht das wunder zeitlos
Zeitlos ist der stein
Es scheint, das alte wunder bleibt nicht ewig in gefahr
Aber um einen glauben nährwertiger wie nie zuvor
Wird die fahle geschlechtlichkeit wie die des mondes zurückstehen müssen
Der vogel und das übrige getier findet im zusammenraufen statt
Ihre gemeinsamkeit ist es, die umfriedung der epoche
Symbolisch wie im anfang, jetzt und immerdar, zu überflügeln
Sind wir diejenigen, die fest verwurzelt sind in erden
Und wie der baum nur nachzuwachsen brauchen ?
Sind wir den brandherden
Die immer kommen werden
So schutzlos ausgeliefert ?
Das kleinste Licht...
der Schauer bricht
tief drunt` im Herzen ein.
Wird`s leise sein ?
Wird`s leise sein,
wenn es erlischt ?
CS

Abchalom oder...am Tag, als der Erzengel kam
Sieben Jahr` wand er sich so im Liegen,
schläfrig zwar, und doch noch nie so nah am Tod,
dass er ihn sich ersehnte, wenngleich, er hoffte schon,
dass das Getriebe der Maschine lange stehenbliebe
und der defekte Rhythmus seines Herzens Ton
wenn, dann ihn in ein schnelles Sterben wiege.
Doch eines Tages, gegen Abend, ging zu Abchalom
ein Wunder hin. Worauf niemand außer ihm gefaßt,
betrat sein Krankenzimmer ein von Aussehn frommer,
von Ansehn aber unbequemer Gast.
Hört zu, sprach der, mein Herr, ihr wißt von meinem Hang,
und zog aus seiner linken Seite, unter purpurnem Gewand,
wie einen Säbel, einen langen, ungeheuerlichen Gegenstand,
dessen Schneide in ihn reichte, bis in die Wurzel seiner Hand,
und den er schulterhoch, zuerst im Zickzack, dann im Kreise durch die Lüfte drehte,
und jeden Hieb mit hohen Augenbraun und einem wilden Zauberspruch belegte,
bis das Gerät hellviolett über Abchalom in Flammen wehte.
Haltet ein, schrie da, der aus seiner Sicht ans Bett gefesselte,
ihr tötet nicht, was ihr zu töten meint, wenn ihr den Leib, den Gott gerichtet,
mit dem furchterregenden Geräte bei euch, noch einmal vernichtet!
Ich bekenne mein Schuld und offenbare, ich verletzte die Gesetze,
und meine Sühne ? Seht, ist`s damit für den Rest des Lebens nicht genug ?
Das ich mein Weib erschlug war zynisch, boshaft und Betrug.
Gott schuf das Leben, Liebe, gab ihr in mich Vertrauen,
ich Ärmlicher, ich Narr, ich Ungeheuer habe sie dafür verhauen,
dass mein Herz ihr Appellieren an mein Gewissen nicht verstand.
Gott ist mein Zeuge, mein Leib, seht her, ist euer Pfand,
die Eifersucht, die mein Gemüt so selten hat gekannt,
raubte mir in einer Liebesnacht die Manneskraft und den Verstand.
Ein Narr, seh` ich, erzürnte sich der erzne Engel, bist du geblieben!
Was gehn mich deine Liebesnächte an, sag, und das Verlieben ?
Den Teufel werd` ich tun, und dich mit Hieben
dafür strafen, dass du für den Hungerlohn einer dich Liebenden
dein Leben fortwarfest, als wär`s ein Lump!
Merkst du denn nicht, wie lächerlich es klingt aus deinem Mund ?
Sprichst du von Sühne, Reue, Gesetzen, die der Gott gemacht ?
Ich strafe dich dafür, dass du in jener Liebesnacht
nicht die Liebende, statt deiner, um den Verstand gebracht.
Denn ihr Zorn war ehrlich, und du standest schon
auf der Abschußliste eines Mörders, von ihr bezahlt, von deinem Lohn!
Sprach`s und schlug mit seinem flammenden Geräte
querbeet durch sämtliche Apparateverbindungswege,
die Abchalom zur Lebenserhaltung ans Systeme strangulierte,
davon keines in Wahr- und Richtigkeit den Seelenzustand kontrollierte,
und versprach ihm Heilung, wenn er sogleich sich erhebe,
einige Minuten aufrecht vor dem Erzengel stehe
und die Botschaft empfange, gehe du, und folge deiner Wege,
für die Rechenschaft zahltest du gewissenhaft die Zeche,
jetzt sammle für deinen Liebesdienst entsprechende Belege,
und kehre geläutert in den Mutterschoß zurück,
hernach aber, begehre des Menschen aufrechtestes Glück.
Abchalom starb, kaum dass er den Boden betrat,
die Verwandten aber sprachen, er bereute seine Tat.
CS

Autorenhomepage Christian Sander/www.lesezeichen100.de/copyright 2009
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