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           Lesereise Märchen

 

 

 

 

 

 

 

Der Vogelbauer

 

  Es war ein Bauer, der hatte vier Töchter. Die  waren  schlank  und  schön  und  immer  wohlgemut und sprachen jedermann mit

  freundlichen Worten an.

  Sie bestellten im Frühjahr den Acker, brachten im Sommer alle Früchte ein,  verschlossen im Herbst alle Böden  und waren so

  fleißig und arbeitsam und geschah  ihnen alles so gut,  dass der Bauer das  ganze Jahr sich  selbst  nicht mühen brauchte und

  nur dasaß und Daumen drehte. So verging Jahr um Jahr. Die vier Töchter wurden immer arbeitsamer, der Bauer wurde immer

  reicher,  und in dem Dorfe machte sich das Gerede breit, dass es bei Greitenhubers auf`m   Hof wohl nicht mit rechten Dingen

  zugehen könne.  Wie konnte der Bauer den ganzen Tag dasitzen  und  nichts  tun,  während die Madeln sich das Kreuz bucklig 

  schufteten  und  nicht  einmal  Anständiges  zu  essen bekamen, so hager wie sie dahergingen.  So dachten und tuschelten sie.

  Allerdings, und da  mußten die Dorfbewohner sich eingestehen, wurden die Töchter des Greitenhuber von Tag zu Tag schöner,

  gediehen  von Tag zu Tag  prächtiger  und  waren so voller Heiterkeit und Liebreiz im Gemüt, das  jeder  dachte,  es müsse im

  wirklichen Herzen jedes ein Königskind sein. 

  Eines Tages, Hochsommer, es begann die Erntezeit, da wurde es den Nachbarn des seltsamen Bauern zu bunt. Sie hatten es

  satt jedes Jahr mitansehen  zu müssen,  wie sehr sie sich selber plagten  und  teure Knechte,  kräftige Burschen,  verschlissen, 

  während dessen bei Greitenhubers holde Grazien auf`m  Feld  rumhüpften  und  ihnen  die  Arbeit von der Hand ging, als wär`s

  eine Freizeitbeschäftigung und die Frücht` um sie herum nur so ins  Kraut schossen.  Also  heckten  zweie einen Plan aus,  wie

  sie dem Greitenhuber beikommen könnten. Sie schlichen sich im Morgengrauen  nah  an das Feld, welches zur Abernte stand, 

  kurz bevor die Töchter des Bauern heraufkamen,  und  verkrochen  sich  da  und  dort in dem Gebüsch und wollten beobachten,

  was sich ereignete. Und siehe da, sowie der erste Sonnenstrahl in das Feld hineinfiel und die vier schönen Töchter mit kleinem

  Handgerät  die  Wiese   heraufkamen,  da  zog  ein  mächtiger  Schwarm  Singvögel  am  Himmel  heran,  scheuchte  tausende 

  Artgenossen  aus  Sträuchern  und  Baumkronen  hervor und alle kamen sie herbei und zwitscherten und tirilierten und  flatterten

  bald über dem Felde, bald in den Himmel hinauf, bald vom Himmel herab.  Da  begaben  die vier Töchter  sich zu der Feldmitte

  hin, stellten in geschlossenem Reigen sich auf, hoben die Arme an und riefen den Vögeln im Himmel zu:

                                         "Ihr lieben Vöglein kommt herbei,

                                          dem Vater dient heut` zweierlei.

                                          Das Korn muß heut` gelesen,

                                          der Halm muß heut` geschnitten sein!"

  Da geschah, dass der Schwarm  wie  ein  riesiges  Speichenrad sich in dem Himmel zu drehen begann. Und wie alles flatterte

  und zirkulierte bis an seinen äußersten Rand,  da senkte sich die Schar zu dem Felde hinab.  Und es begann ein Knispern und 

  Knaspern,  Zwicken  und  Zwacken  und  Staub  wirbelte  auf;  da  war  im  Nu  alles  geschehen;  hatten  die  Vögel  bis auf die

  Stoppeln das Feld sauber heruntergemäht  und  das  ganze  Korn in gebrauchsfertige Stücke zerlegt.  Wie die  beiden Männer

  das sahen, so wollten sie ihren Augen nicht trauen und ehe der  eine oder andere etwas sagen  konnte,  da  flogen  vier  weiße

  Tauben aus der Mitte des Feldes empor und  alle Singvögel die da waren,  pickten  jedes  Korn,  jeden  Halm  vom  Boden auf 

  und  stopften  ihre  Schnäbel  und  Backen  voll  und   folgten  den   weißen  Tauben   nach  und   hinterließen  ein  so  ordentlich

  abgeerntetes Feld, wie ein dutzend Bauern mit handfestem Gerät es binnen Tagen nicht hinbrächten.

  Als  die  Männer  aus  dem  Staunen  über  das  Schauspiel  rausgekommen  waren,  wunderten  sie sich,  wo die Töchter  des

  Greitenhuber so plötzlich abgeblieben waren,  hielten  sich  aber  nicht damit auf, sondern eilten rasch zu ihrer Sippe hin,  taten

  zuerst dort, schließlich in  dem  ganzen  Dorfe  ihre  Beobachtungen  kund.  Aber es  mochte  so recht keiner glauben,  was die

  beiden da erzählten, und so  legten sie sich im Morgengrauen des folgenden Tages abermals auf die Lauer,  dort,  wo  sie  die 

  nächste Abernte erwarteten und siehe da,  es  geschah  das  Gleiche  wie  am  Tage zuvor.  Ein  riesiger  Schwarm  Singvögel

  verweilte am Himmel und die vier schönen Töchter riefen zu ihnen hinauf:

                                          "Ihr lieben Vöglein kommt herbei,

                                           dem Vater dient heut` zweierlei.

                                           Das Korn muß heut` gelesen,

                                           der Halm muß heut` geschnitten sein!"  

  Und  der  Schwarm  kreiste  wie  ein  mächtiges  Räderwerk  über dem Felde, senkte sich langsam hinab, und  es  begann ein

  Knispern und Knaspern, Zwicken und Zwacken und Staub wirbelte auf.  Da  war  im  Nu  alles  geschehen  und das  Feld  ward 

  gemäht bis auf die Stoppeln. Und vier weiße Tauben flogen aus der Mitte herauf und alle Singvögel die da waren,  trugen alles

  Korn und alle Stengel ihnen nach.

  Die beiden Männer waren so argwöhnisch geworden,  dass  sie es beim Ausspionieren der Feldarbeit  nicht belassen wollten

  und sprangen dem Vogelschwarme nach.  Der  führte  sie  geradewegs  zu dem Anwesen des Greitenhuber hinunter.  Da hielt

  der eine den anderen am Arm und sagte:  "Stop Alois.  Bis dahin,  sonst  mögen`s  uns noch entdecken!" 

  "Gut, aber wir dürfen nix versäumen!"  erwiderte der,  und  sie duckten sich in das hohe Gras hinab und  beobachteten aus der

  Entfernung  wie der Vogelschwarm zuerst über dem Gehöfte kreiste,  sich  hinabsenkte,  die  riesige Scheune  umflog,  und es

  geschah, dass alles flatternde Getier durch das weit geöffnete Tor hineindrang  und  kein  einziges draußen blieb.  "Franz,  die

  Sach` is` mir unheimlich. Zuerscht des auf`m  Feld:  jetzt guck,  fliegen die ganzen Vöigin mit der Ernt`  im Schnabel alle in den

  Greitenhuber sein Schopf. Wie kann des sei`?

  Da schüttelte der Franz den Kopf und sagte:  "I`woaß net, Alois. Die Sach` is` so  merkwürdig, i` glaub`,  die  hat  mit`m  Teufel

  zum tun!"  Und obwohl  sie  es  mit  der  Angst  bekamen,  ließ  ihre  Neugier sie nicht los,  und  sie  schlichen auf Zehenspitzen 

  zu dem Gehöfte hin und lugten heimlich durch ein Fensterchen zu der Scheune hinein.  Da  sahen  sie wie alle Vögel darin wild

  durcheinanderschlugen und alle trugen sie ihr Schärflein und brachten es dahin und dorthin,  jeweils  wo die weißen Tauben es

  ihnen anwiesen,  und  flogen  hernach  im   großen  Bogen  zu  dem  Scheunentor  wieder  hinaus.   Und  während  die  Männer 

  dastanden  und  ihre  Nasen  an  dem  kleinen,   schmutzigen  Fensterchen  plattdrückten,  da  tauchte  der  Greitenhuber  ganz

  plötzlich, wie aus dem Nichts in ihrem Rücken auf und schrie mit entsetzlich kreischender  Stimme  sie  an:   "Krah,   krah...krah

  krah - krah...krah!"    Damit,  und wie er dabei eine so schreckliche Fratze schnitt,  jagte er den Ahnungslosen einen derartigen

  Schrecken ein,  dass sie zuerst in  Schrei und in Panik,  schließlich in einer Art und Weise vor dem Greitenhuber davonrannten,

  als sei der Leibhaftige hinter ihnen her.

  Dies  Ereignis  verbreitete  sich  noch am selbigen Tage wie ein  Lauffeuer  in  dem  Dorf  und man war überzeugt,  weder dem

  Lottringer Franz noch  dem Schickel Alois,  beiden gleich gar,  konnte eine solche   G`schicht`  nur  in  der Fantasie eingefallen

  sein,  und so war  der Tumult schnell  beisammen und alles stand gar bald auf  einem  Haufen  was  Mund  und Ohren hatte und

  kam wechselweise zur Sprache, was man über den Greitenhuber seit Jahren gerüchtete.

  Da tat einer sich unter den Leuten hervor, der sehr alt und  schmächtig war,  den keiner kannte und sagte:  "Ich  bitte euch,  hört

  mir zu!  Brecht den Stab über einen Menschen nicht, der gottesfürchtig ist und nur sein Schicksal duldet!"

  "Weshalb ?" unterbrach ihn harsch eine alte Frau. "Wer  seid`s  ihr überhaupt ?  Wissens,  mir  ham  dem  Greitenhuber  schon

  viel nachsagen hör`n.  Und die  G`schicht`  von dem Schickel und dem Lottringer is`  insofern  glaubwürdig,  als das die beiden

  endlich g`sehn haben, was mir alle längst vermuten, nämlich das der Greitenhuber mit dem Teufel im Bündnis is`!"

  "Das ist nicht wahr!"   rief der alte Mann,  der sich gegen die vielen Stimmen,  welche sich  erhoben  und  der  alten Frau Recht

  gaben,  kaum zur  Wehr setzen  konnte.  "Wahr ist bloß"   rief er,   "dass  der Greitenhuber sich,  Gott sei`s   geklagt,  einmal  in

  seinem leben ins Unrecht gesetzt hat!"

  "In`s  Unrecht g`setzt ? Wer sann denn sie ? Des haben`s  alleweil noch net  beantwortet ?"  fragte  ein  kräftiger  Bursche,  der

  dicht gedrängt, bald zwei Kopf größer neben ihm stand.

  "Ich bin hier,  den  Mann  zu  verteidigen,  über  den  hier offenbar  alle zu  Gerichte stehn...meinen Sohn!"  Da  ging ein Raunen 

  durch  die Bevölkerung, und fragte einer:  "Dann  sind  des ihre Enkelin,  die vier Madeln,  die  tagein,  tagaus schuften müssen. 

  Weshalb  unternimmt niemand was gegen einen solchen Rabenvater ?"   Der alte Mann trat aus der Menge zurück,  setzte sich

  auf einen Felsenstein und sagte:  "Er ist kein Rabenvater.  Aber er ist von einem Menschen zu einem Raben geworden.   Es ist

  ein Fluch.  Ich schwöre,  er ist ein guter Vater. Ich bin es,  der ein schlechter Vater ist,   ich allein..."  und erzählte den Menschen,

  die plötzlich stumm ihm zuhörten,  was damals vor vielen Jahren geschehen war.

  "Meinem Bub`"  sprach er, "trifft die Schuld,  dass  er  sich an einer Kreatur vergangen hat auf mein Geheiß.  Den  Hof,  den ich

  ihm zu seiner Hochzeit hergab,   auf  dem  er  heute  is`,  war  im  selben  Jahr  von  einer  schlimmen  Plage  heimgesucht,  die

  älteren unter euch  werd`s   euch erinnern,  dass  auf  jede  Ähre,  die zur  Reife  stand,  bald eine Krähe kam.  Um  die Ernte zu

  retten und weil meines Sohnes Frau, Gott hab` sie selig,  in anderen  Umständen  lag,  befahl  ich  ihm:   gehe hin auf das  Feld

  und  schleudere mit  einem  Stein  eine  Krähe  vom  Himmel  herab,  steche  ihr  beide  Augen aus und werfe sie zurück in den 

  Himmel,  so wirst du von der Plage befreit sein.  Mein Sohn fürchtete sich vor solcher Tat  aber  gehorchte.  Als  er  vom  Felde

  heimkam, gebar seine Frau hintereinander  vier Töchter.  Sie starb nach der letzten Geburt und blieb nichts weiter übrig von ihr, 

  als eine leblose,  weiße Taube.  Mein armer Bub`,  er weinte  bitterlich  und  begrub  das  zarte Tier unter der alten Linde neben

  dem Haus; und saß so jede Nacht  davor und schluchzte in das kleine Grab.  Am Tage  hütete er die Kinder und ward ihnen ein

  liebender Vater, bei Nacht fütterte er sie und waren sie nur noch ein Rabe und vier weiße Tauben."   Da brach der alte Mann in

  schlimme Tränen aus und rief:  "Mein Gott,  was habe ich angerichtet,  dass  diese  Krähe  im  Himmel  noch  lebte und meinen

  Sohn für seine Tat verfluchte auf das er lebe und sterbe  wie  diese  Kreatur  und  alle  vom Fluche befallen sind,  welche  er von

  ganzem  Herzen  liebt!"  Da hatten drei Frauen aus der  Zuhörerschaft  Mitleiden  mit  dem  alten  Mann,  gingen  hin zu ihm und

  trösteten ihn,  und der Lottringer Franz sagte: "Dann san`s   ja die weißen Tauben, welche die vielen Vöigin rumkommandieren

  leibhaftige Menschen ?  Deshalb die Ernt` so pfundig lauft beim Greitenhuber heroben und er nix schaffen braucht!" 

  Und sagte ein junger Bursche:  "Die armen Madeln, was  is`n  des  für`n  Leben weshalb trotzdem so glücklich sind ?"

  Da  sprach  der  alte Mann:  "Sie wissen es nicht.  Sie kennen nur dieses eine Leben.  Es  begann  mit ihrer Geburt.  Unter den

  Vögeln ist ihr Zuhause und alle Vögel sind nur gut zu ihnen.  Sie entbehren nichts.  Sie herrschen über diese Welt, die groß und

  voller Freiheit ist,  also über die Lüfte, darin ihre Heimat ist."

  Damit stand er auf, drehte den Leuten seinen Rücken zu und ging.

  "Aber der Fluch ?" rief eine alte Frau hinter ihm her,  "der muß weg.  Der wird unser ganzes Dorf ins Unglück reiß`n !"   Der alte

  Mann hörte, was die Frau sprach,  drehte  sich  um  zu  ihr  und sagte:   "Ist einer unter euch,  welcher den Kindern  das  Liebste, 

  ihren Vater,  nimmt,  und grausam genug ist, ihm das Augenlicht  auszustechen,  dem  sei es überlassen.  Aber er bedenke die

  Schuld,  die er sich und den Seinen auferlegt und das kein Fluch jemals verpufft."

  Die mahnenden Worte des Alten hielten lange fest in den Herzen der Menschen und sie brachten dem Greitenhuber und künftig 

  allen Kreaturen  ihren  heilsten  Respekt  entgegen. Und als es eines Tages hieß, der Greitenhuber sei eines natürlichen Todes

  gestorben,  da feierten sie für ihn ein großes Seelenfest und trauerten ein ganzes Jahr.

  Die vier herzallerliebsten Töchter, über sie war der Fluch in wenigen Nächten abgeklungen,  hatten bald jede einen Gemahl und

  lebten so glücklich wie je zuvor bis an ihr Ende.

                                                                       CS

 

 

 

 

 

 

 

 

Sternschnüppchen

 

  Es war einmal ein Stern,  der hatte viele,  viele Kinder.  Das  jüngste  hieß  Sternschnüppchen und war so recht ein Wildfang. 

  Es  hüpfte  und  tanzte,  glitzerte  und blinkte und  lachte  und  plapperte  im  Himmel  und war so  lebensfroh,  dass es für alle

  Gestirne eine Freude war,  dem  Winzling  mit  kurzem  Schweif  und  lustigen  Sonnensprossen  im Gesicht  in dem  ewigen 

  Dunkel  zuzusehen  und  brachte  ihm  so  viel  Beifall,    dass  es  sich  in  der  ganzen  Galaxie  herumsprach.       "...darf  ich

  Schnüppchen einladen  zu  meinem  Geburtstag ?   Es  ist  so  klug  und  so  gesprächig..."    bat Vegalus aus dem Sternbild

  Orion seine Mama, der viele, viele Lichtjahre entfernt wohnte.   "...dürfen wir Schnüppchen in unser Tanztheater aufnehmen ? 

  Es ist so drollig und so begabt..."    baten die  Ballettschülerinnen des unruhigen Sternenhäufchens  Omega  das  strahlende

  Fräulein Quarks um Zustimmung.    "...darf  das  Schnüppchen  uns  begleiten auf eine Umlaufreise durch das All ?  Es ist so

  fröhlich und verständnisvoll..."    fragte  ein  Kometenhagel,  der soeben zum  zweieinhalbmillionsten  Mal  an  Schnüppchens 

  Sternenfamilie  vorbeiregnete.   Und  kam  so  eins zum  anderen  und  konnte sich das Schnüppchen bald kaum noch retten

  vor  lauter  Einladungen  und  sagte  zu,  wo  es  nur  konnte  und  die  Mutter  es ihm erlaubte.  Und  es  brachte  erstaunliche 

  Erkenntisse  mit  von  seinen  Ausflügen  wovon  es  seinen  Geschwistern  minuziös  berichtete  , und  es  erzählt  immer so

  fröhlich und alle lachten, weil es so lustige Geschichten waren.

  Mal kam es nach Hause und sagte: " Ich weiß jetzt, was eine Sternstunde ist!"

  "Was  denn ?"   fragten die anderen.   Und Schnüppchen antwortete :   "Eine  Sternstunde  ist die Entfernung  zwischen zwei

  Sternen.  Wenn ich dem anderen  etwas  zurufe und es dauert eine Stunde bis er mich hört,  dann ist das eine Sternstunde!" 

  Oder es kam und sagte:   "Ich  habe  heute  einen Asteroidengürtel anprobiert,  aber die Verkäuferin meinte,  es würde noch

  ein Weilchen dauern,  bis ich da hineinpasse!"   Ein  andermal  schoss  es  wie  eine  Billardkugel daher,  schlug Haken und 

  Ecken  und stubste seine Geschwisterchen an Bauch und Pöchen an und rief:  "Seht her,  ich bin ein Fixstern! Fix bin ich da,

  fix bin ich dort, fix bin ich an jedem Ort!"

  Wenngleich  jeder wußte,  was Schnüppchen  da  erzählte,  hatte  es  sich  das  meißte  selbst  ausgedacht,  wagte niemand 

  es  etwa  zu verspotten.  Denn  wenn  man  es  fragte beispielsweise was die Super Nova sei oder das schwarze Loch oder

  ein Pulsar,  so wußte  es die rechte  Antwort  sogleich, und  zu  der  Freude  über  den Humor des kleinen Schalks,  kam der 

  Respekt  über  den  erstaunlichen Wissensreichtum, welchen das Schnüppchen,  jung wie es war,  so früh schon besaß.

  Aber das Schnüppchen hatte  neben  allem  Glück  auch  Leid  mitansehen  müssen  und  war bekümmert über die traurigen

  Gesichter mit welchen  seine  Brüder  und  Schwestern bisweilen nach Hause kamen.  "Weshalb bist du so traurig ?"  fragte 

  es dann und kuschelte sich ganz weich an das Herz des Geschwisterchens. Das antwortete:  "Ach Schnüppchen! Sei du nur

  immer gut und föhlich und fromm und tanze deine lustigen Lieder im Himmel.   Uns wird die Arbeit mühselig und schwer und

  sie will so gar kein Ende nehmen."

  "Ei Schwesterchen,   ei Brüderchen sprich...?"   sagte das Schnüppchen   "...was  ist  das  für  eine  Arbeit und wird euch so 

  schwer... ?"    Und  wie  die  Geschwister  das  sahen, mit welchen großen, runden Augen und offenem Mund der süße Fratz

  sie immer anblickte,   da  wollten  sie  ihm  die  Wahrheit  noch  nicht  offenbaren  und vertrösteten es mit den Worten:   "Wir

  bräuchten  dich schon sehr,  hab` noch Geduld.  Du fliegst uns bald schon hinterher!"  und nahmen das Schnüppchen wie so

  oft in ihre Mitte und drückten und knuddelten es mit ihren feurigen Zacken,  bis es vor lauter Lachen seinen kleinen Kummer

  vergessen hatte.

  Es wuchs und gedieh das Schnüppchen in der ewigen Zeit.   Aus seinen acht Zacken wurden sechzehn,  sein Schweifchen

  wurde deutlicher und  länger  und  seine  Verabredungen fanden in immer größeren Fernen statt.  Was bislang nie geschah, 

  sich aber ereignen sollte,  hatte das Schnüppchen so sehr betroffen, dass es zum ersten Mal ganz für sich selbst ein Leiden

  empfand, und es war ihm, als wollten die Tränen nimmer erlöschen. Es kehrte zurück aus dem unendlichen Weltenall,  hatte

  Onkel,   Tanten  und  zwei  Neffen  besucht  und  bedachte eine  schnelle  Abkürzung quer durch die Milchstraße zu nehmen. 

  Da  kam  es im äußeren Drittel des siebenten Spiralarms der Galaxie zu einer seltsamen Begegnung. Schnüppchen tauchte

  ein,  in  ein ihm unbekanntes Umlaufsystem, wo ein großer, kugeliger Stern das Zentrum bildete mit neun Planeten und ihren

  Monden drumherum.  Es  zählte die Planeten alle und erblickte,  das einer unter ihnen völlig verschieden aussah.  Es kannte

  dunkle und helle,  rote,  gelbe,  graue,  ja, sogar braune Planeten, aber hatte es nie zuvor einen blauen gesehen. "Ein blauer

  Planet...!"  sagte es leise vor sich hin und es erinnerte sich,  dass in seiner Familie von so einem blauen Planet  irgendwann

  einmal die Rede gewesen war und  erinnerte sich weiter,  dass in dem Zusammenhang von der Erde gesprochen ward.  Es 

  drosselte also seine Geschwindigkeit und wollte ein Weilchen auf die Erde hinuntersehen,  da  hörte  es  ganz plötzlich viele, 

  viele unterschiedliche  Stimmen.  Die  sprachen:  "Lieber  Stern,  ich  wünsche  mir,  dass  mein  Papi wieder gesund wird..."  

  "Ich wünsche mir so sehr ein Kind..."    "Ich  wünsche  mir eine Puppe,  die man sprechen lassen kann..."   "Lieber Stern,  ich

  wünsche so sehr  mich  einmal  satt  essen  zu können..."    "Ich  wünsche mir,  dass  endlich  der grausame  Krieg  aufhört..."   

  "Ich wünsche mir von dir lieber Stern, laß bitte meine Katze wieder nach Hause kommen..."   "Ich wünsche mir... ich wünsche

  mir... ich wünsche mir..."   Da bekam  das Schnüppchen ganz heftiges Herzklopfen wie es das alles hörte und bekam es mit

  der Angst, und es eilte so rasch  es  nur  konnte  nach  Hause  und  plumpste  der  Mutter  in  ihren  warmen,  weichen Schoß. 

  "Mutter,  ach Mutter...!" rief es und weinte und schluchzte bitterlich   "...mir  ist etwas schreckliches  passiert!"   Da streichelte

  die Mutter mit ihren goldenen Zacken das Schnüppchen und sagte mit  ihrer weichen,  brummigen  Stimme:   "Sprich`s   aus 

  mein  Kind,  wenn`s dir zumute ist. Was ist geschehn ?  Hast du dich verletzt ?"   "Ach nein..."   antwortete das Schnüppchen

  und schluchzte noch tiefer   "...nicht verletzt.  Erschreckt  habe  ich  mich.   Ganz  fürchterlich  erschreckt!"   Da gab die Mutter 

  ihrem Schnüppchen einen Kuß auf die Stirn,  wischte ihm dieTränen ab und sagte:  "Nun beruhige dich mein Kind...nur ruhig. 

  Es werden dir schon keine Gespenster begegnet sein...oder doch ?"  Aber das  Schnüppchen  war  ganz  und  gar  nicht  zu

  Scherzen aufgelegt und weinte bitterlich fort,  und  die  Mutter  tröstete  es  und  bot  ihm  Gehör.  Da  schilderte  es  was  ihm

  widerfahren  war  und  das  die  seltsamen  Stimmen  über  dem  blauen  Planet sein Herz angerührt hätten.  Und wie es sich

  ausgeweint und beruhigt hatte, da kamen die Brüder  und  Schwestern  herbei  und alle weihten sie das Schnüppchen ein in

  das,  was bisher ihm verborgen war.

  So erfuhr es von dem blauen Planet und das auf ihm die Menschen wohnten; dass die Menschen  ihren  Planet Erde hießen

  und  das  es  Wünsche seien,   jene Stimmen,  die es wahrgenommen,  und das dies von nun an auch seine Verrichtung sei, 

  wie es  die  Verrichtung  aller  Sterne  sei,  als  ein  Lichtlein  mit  langem  Schweif  über  dem   Erdenhorizont    hinzufliegen, 

  die Sehnsüchte der Menschen einzufangen und fortzutragen zu der erwürdigen Sonne hin,  jedwedem Stern im Zentrum der

  Planeten,   welche  die  Sehnsüchte  aller  Geschöpfe  zu  deren Wohle erfüllte.   Dann  tat der älteste unter den Brüdern sich 

  hervor  und  sagte:   "So  will ich es sein,  der das Schnüppchen hinnimmt zur ehrwürdigen Sonne und ihm seine Aufgabe im

  Himmel nahebringt!" 

  "Aber du warst schon zwei Mal  dran..."  beschwerten  sich  die  übrigen  Geschwister  "...Saggitarius  mindestens  vier...wir

  wollen auch mal das Jüngste zur Sonne begleiten!"  und es brach eine regelrechte Stimmung aus,  wer denn nun mit  wem...

  wie oft... und wieviel insgesamt...und man einigte sich, das alle das Schnüppchen begleiten sollten. "Es  wäre  so  recht  ein

  Feuerwerk  im  Himmel..."   bemerkte  Saggitarius   "...und ein Zeitvertreib obendrein!"   Da war  kein Halten mehr unter den 

  Sternenkindern und sowie sie den Segen von der großherzigen Mutter empfangen hatten,  faßten sie sich hintereinander an

  ihre  Zacken  und  waren  im  Nu  auf  der  Reise.  Während  sie so eilig dahinflogen und alle sich die Zeit mit akrobatischen

  Flugmanövern verdingten,  war es Schnüppchen mit einem Mal nicht mehr wohl.  Es wedelte  aufgeregt  um  seinen  großen 

  Bruder herum und sagte: "Saggitarius, ich ängstige mich!"

  "Aber weshalb... ?" erwiderte Saggitarius,  "...Du bist  sehr  klug  und  schon  viel  rumgekommen  in der Welt.  Macht  es dir

  etwa keinen Spaß etwas Neues zu entdecken ?"

  "Oh doch, schon..."  antwortete das Schnüppchen,  "...es mag nur damit zusammenhängen,  dass  die Stimmen  in  meinem

  Herzen mich noch immer traurig machen!"

  "Das ist´s  gewiß,  aber tut nicht not..."  sagte Saggitarius   "...das  die Menschen dich erreicht  haben  und  du  nicht  darauf

  vorbereitet warst,  ist bedauerlich aber kein Unglück.   Du wirst  darüber hinwegkommen.   Spätestens wenn die ehrwürdige

  Sonne dich in ihre Arme und ihr Herz geschlossen hat."

  Da war es das Schnüppchen zufrieden und tat ihm das Herz gleich nicht mehr so weh.  Und  wie  sie  hingekommen  waren

  im  Zentrum  der  Planeten,  da  freute  sich  die  Sonne  sehr über die Ankunft der putzigen Lichter und das sie so zahlreich

  waren.  Sie schlug ihre freundlichen Augen auf,  bewegte ihren großen Mund und sagte:   "Willkommen!  Wie ist es mir eine

  Ehre so viele fröhliche Sternlein begrüßen zu dürfen..."   und vermutete schon, sie wären in so großer Zahl angereist, um sie

  über ein bevorstehendes,  feierliches Ereignis zu unterrichten.  Sie begrüßte jedes Sternenkind bei seinem Namen  -  jedes

  verbeugte sich artig vor der ehrwürdigen Sonne  - und  wie  es  das  Schnüppchen  an  die  Reihe kam,  da hatte das kleine

  Ding  doch  wieder  seine  Furcht  und  zitterte  am  ganzen  Leib,  das selbst die ehrwürdige Sonne ein wenig erschrak und

  einen Augenblick lang sich nicht zu  helfen wußte.  Da kreisten alle Geschwister ihr Schnüppchen ein und sprachen:  "Tu du

  nur deine  Pflicht  und spreche die Wünsche der Menschen in der lieben Sonne Gesicht!"   Daraufhin sandte die Sonne ihre

  Strahlen aus, die das Schnüppchen ganz warm und weich, ganz behutsam anfaßten,und es redete sich die vielen Wünsche

  der  Menschen  ganz  herzlich  von  seiner  Seele und ließ keinen einzigen aus.  Und war es hernach so erschöpft,  dass die

  ehrwürdige Sonne es schutzbefohlen nahm und es zu den Engeln hinaufreichte.  Da geschah,  dass sich die Himmelspforte

  aufschloß.  Ein Engel kam und sah das Sternenkind,  und  die  Sonne sprach zu dem Engel:  "Nehmet hin und fürsorget ihm.

  Allein die schwere Arbeit hier,das Wehklagen der Menschen an mich zu überbringen - es hat so sehr ein mitfühlendes Herz, 

  dass ich fürchte,  es könnte  zerbrechen.  So  will  ich  es  euch  anvertrauen  und  Gottvater  selbst  ihm zu gewähren Hand

  anzulegen an die Not,  damit  es  Kraft  seines  göttlichen  Wirkens  auf  Erden,  die Menschen  vor Tod und Unheil bewahrt." 

  Und der Engel  nahm das Schnüppchen bei seinen Zacken,  bedankte  sich  herzlich bei der ehrwürdigen Sonne und bat ein

  Geschwisterchen  -  Saggitarius,  welcher die Verantwortung für das  Schnüppchen  bisher besaß,  seine Schwester  in das

  Himmelreich  hinauf  zu  begleiten.  Dort erwachte  das  Schnüppchen  nach tiefem,  erholsamen Schlaf und lag da in einem

  Bettchen von Kornblumen fein.  Ein Bächlein rauschte nah.  Ein Rehlein leckte 

  an seiner Hand und bevor es die Äuglein auftat,  da sprach`s  von seiner Seite her:   "Wach auf Geschwisterchen, wach auf!

  Ich bin es, Saggitarius, dein Bruder.  Geschwisterchen,  wach auf!"   Und  wie  es  die Äuglein so friedlich auftat,  saß neben 

  ihm eine wundersame Erscheinung,  ein  Engel  in  silberweißem  Gewand.  Und  alles  grünte  und  blühte   ringsumher,  die

  Vöglein  zwitscherten  an  dem  blauen  Himmel  und  schien  die  Sonne  glutrot  über  dem  Horizont.        "Ich  habe  unsere

  Schwesterchen und Brüderchen nach Hause geschickt..." sprach der Engel fort  "...unserer lieben Mutter die frohe Botschaft

  zu überbringen.  Und sieh nur, sie mich an,  es ist ein Wunder...sieh dich an,  du und ich,  wir sind zu Schutzengeln befohlen!" 

  Da reichte das Brüderchen seinem Schwesterchen die Hand und wie es sich aufrichtete von seinem Bettchen, sah es, hatte

  es ein menschliches,  eine  wunderschöne  Mädchengestalt  und  hatte es Beine und Füße,  Arme und Hände und goldenes, 

  wallendes Haar und ein seidensilbernes Leinengewand bedeckte seinen Körper,  so dass  es  weder frohr noch Hitze fühlte

  und war so voller  Liebe und Glück in seinem Herzen, das es nichts als Dankbarkeit empfand. Da umarmten sich die beiden

  Geschwister und gingen lautlos in die Welt.  Und sowie sie einem Menschen begegneten,  einer Frau,  einem Mann,  einem

  Kind,  und es hatte seinen schlimmen Kummer und trug selber keine Schuld,  da  fühlten  sie  dem  Menschen  in  sein  Herz 

  und  trösteten  und  beschützten  ihn  und  sprachen ihm die frohe Botschaft in sein Gewißen:   "Die liebe Sonne bringt es an

  den Tag."  Seitdem  spüren  die  Menschen und besitzen sie den Wunsch sich mit Sternen zu unterhalten.  Und wenn einmal

  eine Sternschnuppe am Nachthimmel zu sehen ist, so wissen sie es...geht irgendwo ein Wunsch in Erfüllung.

                                                                    CS

 

 

                     

 

 

 

 

 

 

 

 

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