Lesereise Märchen

Der Vogelbauer
Es war ein Bauer, der hatte vier Töchter. Die waren schlank und schön und immer wohlgemut und sprachen jedermann mit
freundlichen Worten an.

Sie bestellten im Frühjahr den Acker, brachten im Sommer alle Früchte ein, verschlossen im Herbst alle Böden und waren so
fleißig und arbeitsam und geschah ihnen alles so gut, dass der Bauer das ganze Jahr sich selbst nicht mühen brauchte und
nur dasaß und Daumen drehte. So verging Jahr um Jahr. Die vier Töchter wurden immer arbeitsamer, der Bauer wurde immer
reicher, und in dem Dorfe machte sich das Gerede breit, dass es bei Greitenhubers auf`m Hof wohl nicht mit rechten Dingen
zugehen könne. Wie konnte der Bauer den ganzen Tag dasitzen und nichts tun, während die Madeln sich das Kreuz bucklig
schufteten und nicht einmal Anständiges zu essen bekamen, so hager wie sie dahergingen. So dachten und tuschelten sie.
Allerdings, und da mußten die Dorfbewohner sich eingestehen, wurden die Töchter des Greitenhuber von Tag zu Tag schöner,
gediehen von Tag zu Tag prächtiger und waren so voller Heiterkeit und Liebreiz im Gemüt, das jeder dachte, es müsse im
wirklichen Herzen jedes ein Königskind sein.
Eines Tages, Hochsommer, es begann die Erntezeit, da wurde es den Nachbarn des seltsamen Bauern zu bunt. Sie hatten es
satt jedes Jahr mitansehen zu müssen, wie sehr sie sich selber plagten und teure Knechte, kräftige Burschen, verschlissen,
während dessen bei Greitenhubers holde Grazien auf`m Feld rumhüpften und ihnen die Arbeit von der Hand ging, als wär`s
eine Freizeitbeschäftigung und die Frücht` um sie herum nur so ins Kraut schossen. Also heckten zweie einen Plan aus, wie
sie dem Greitenhuber beikommen könnten. Sie schlichen sich im Morgengrauen nah an das Feld, welches zur Abernte stand,
kurz bevor die Töchter des Bauern heraufkamen, und verkrochen sich da und dort in dem Gebüsch und wollten beobachten,
was sich ereignete. Und siehe da, sowie der erste Sonnenstrahl in das Feld hineinfiel und die vier schönen Töchter mit kleinem
Handgerät die Wiese heraufkamen, da zog ein mächtiger Schwarm Singvögel am Himmel heran, scheuchte tausende
Artgenossen aus Sträuchern und Baumkronen hervor und alle kamen sie herbei und zwitscherten und tirilierten und flatterten
bald über dem Felde, bald in den Himmel hinauf, bald vom Himmel herab. Da begaben die vier Töchter sich zu der Feldmitte
hin, stellten in geschlossenem Reigen sich auf, hoben die Arme an und riefen den Vögeln im Himmel zu:
"Ihr lieben Vöglein kommt herbei,
dem Vater dient heut` zweierlei.
Das Korn muß heut` gelesen,
der Halm muß heut` geschnitten sein!"
Da geschah, dass der Schwarm wie ein riesiges Speichenrad sich in dem Himmel zu drehen begann. Und wie alles flatterte
und zirkulierte bis an seinen äußersten Rand, da senkte sich die Schar zu dem Felde hinab. Und es begann ein Knispern und
Knaspern, Zwicken und Zwacken und Staub wirbelte auf; da war im Nu alles geschehen; hatten die Vögel bis auf die
Stoppeln das Feld sauber heruntergemäht und das ganze Korn in gebrauchsfertige Stücke zerlegt. Wie die beiden Männer
das sahen, so wollten sie ihren Augen nicht trauen und ehe der eine oder andere etwas sagen konnte, da flogen vier weiße
Tauben aus der Mitte des Feldes empor und alle Singvögel die da waren, pickten jedes Korn, jeden Halm vom Boden auf
und stopften ihre Schnäbel und Backen voll und folgten den weißen Tauben nach und hinterließen ein so ordentlich
abgeerntetes Feld, wie ein dutzend Bauern mit handfestem Gerät es binnen Tagen nicht hinbrächten.
Als die Männer aus dem Staunen über das Schauspiel rausgekommen waren, wunderten sie sich, wo die Töchter des
Greitenhuber so plötzlich abgeblieben waren, hielten sich aber nicht damit auf, sondern eilten rasch zu ihrer Sippe hin, taten
zuerst dort, schließlich in dem ganzen Dorfe ihre Beobachtungen kund. Aber es mochte so recht keiner glauben, was die
beiden da erzählten, und so legten sie sich im Morgengrauen des folgenden Tages abermals auf die Lauer, dort, wo sie die
nächste Abernte erwarteten und siehe da, es geschah das Gleiche wie am Tage zuvor. Ein riesiger Schwarm Singvögel
verweilte am Himmel und die vier schönen Töchter riefen zu ihnen hinauf:
"Ihr lieben Vöglein kommt herbei,
dem Vater dient heut` zweierlei.
Das Korn muß heut` gelesen,
der Halm muß heut` geschnitten sein!"
Und der Schwarm kreiste wie ein mächtiges Räderwerk über dem Felde, senkte sich langsam hinab, und es begann ein
Knispern und Knaspern, Zwicken und Zwacken und Staub wirbelte auf. Da war im Nu alles geschehen und das Feld ward
gemäht bis auf die Stoppeln. Und vier weiße Tauben flogen aus der Mitte herauf und alle Singvögel die da waren, trugen alles
Korn und alle Stengel ihnen nach.
Die beiden Männer waren so argwöhnisch geworden, dass sie es beim Ausspionieren der Feldarbeit nicht belassen wollten
und sprangen dem Vogelschwarme nach. Der führte sie geradewegs zu dem Anwesen des Greitenhuber hinunter. Da hielt
der eine den anderen am Arm und sagte: "Stop Alois. Bis dahin, sonst mögen`s uns noch entdecken!"
"Gut, aber wir dürfen nix versäumen!" erwiderte der, und sie duckten sich in das hohe Gras hinab und beobachteten aus der
Entfernung wie der Vogelschwarm zuerst über dem Gehöfte kreiste, sich hinabsenkte, die riesige Scheune umflog, und es
geschah, dass alles flatternde Getier durch das weit geöffnete Tor hineindrang und kein einziges draußen blieb. "Franz, die
Sach` is` mir unheimlich. Zuerscht des auf`m Feld: jetzt guck, fliegen die ganzen Vöigin mit der Ernt` im Schnabel alle in den
Greitenhuber sein Schopf. Wie kann des sei`?
Da schüttelte der Franz den Kopf und sagte: "I`woaß net, Alois. Die Sach` is` so merkwürdig, i` glaub`, die hat mit`m Teufel
zum tun!" Und obwohl sie es mit der Angst bekamen, ließ ihre Neugier sie nicht los, und sie schlichen auf Zehenspitzen
zu dem Gehöfte hin und lugten heimlich durch ein Fensterchen zu der Scheune hinein. Da sahen sie wie alle Vögel darin wild
durcheinanderschlugen und alle trugen sie ihr Schärflein und brachten es dahin und dorthin, jeweils wo die weißen Tauben es
ihnen anwiesen, und flogen hernach im großen Bogen zu dem Scheunentor wieder hinaus. Und während die Männer
dastanden und ihre Nasen an dem kleinen, schmutzigen Fensterchen plattdrückten, da tauchte der Greitenhuber ganz
plötzlich, wie aus dem Nichts in ihrem Rücken auf und schrie mit entsetzlich kreischender Stimme sie an: "Krah, krah...krah
krah - krah...krah!" Damit, und wie er dabei eine so schreckliche Fratze schnitt, jagte er den Ahnungslosen einen derartigen
Schrecken ein, dass sie zuerst in Schrei und in Panik, schließlich in einer Art und Weise vor dem Greitenhuber davonrannten,
als sei der Leibhaftige hinter ihnen her.
Dies Ereignis verbreitete sich noch am selbigen Tage wie ein Lauffeuer in dem Dorf und man war überzeugt, weder dem
Lottringer Franz noch dem Schickel Alois, beiden gleich gar, konnte eine solche G`schicht` nur in der Fantasie eingefallen
sein, und so war der Tumult schnell beisammen und alles stand gar bald auf einem Haufen was Mund und Ohren hatte und
kam wechselweise zur Sprache, was man über den Greitenhuber seit Jahren gerüchtete.
Da tat einer sich unter den Leuten hervor, der sehr alt und schmächtig war, den keiner kannte und sagte: "Ich bitte euch, hört
mir zu! Brecht den Stab über einen Menschen nicht, der gottesfürchtig ist und nur sein Schicksal duldet!"
"Weshalb ?" unterbrach ihn harsch eine alte Frau. "Wer seid`s ihr überhaupt ? Wissens, mir ham dem Greitenhuber schon
viel nachsagen hör`n. Und die G`schicht` von dem Schickel und dem Lottringer is` insofern glaubwürdig, als das die beiden
endlich g`sehn haben, was mir alle längst vermuten, nämlich das der Greitenhuber mit dem Teufel im Bündnis is`!"
"Das ist nicht wahr!" rief der alte Mann, der sich gegen die vielen Stimmen, welche sich erhoben und der alten Frau Recht
gaben, kaum zur Wehr setzen konnte. "Wahr ist bloß" rief er, "dass der Greitenhuber sich, Gott sei`s geklagt, einmal in
seinem leben ins Unrecht gesetzt hat!"
"In`s Unrecht g`setzt ? Wer sann denn sie ? Des haben`s alleweil noch net beantwortet ?" fragte ein kräftiger Bursche, der
dicht gedrängt, bald zwei Kopf größer neben ihm stand.
"Ich bin hier, den Mann zu verteidigen, über den hier offenbar alle zu Gerichte stehn...meinen Sohn!" Da ging ein Raunen
durch die Bevölkerung, und fragte einer: "Dann sind des ihre Enkelin, die vier Madeln, die tagein, tagaus schuften müssen.
Weshalb unternimmt niemand was gegen einen solchen Rabenvater ?" Der alte Mann trat aus der Menge zurück, setzte sich
auf einen Felsenstein und sagte: "Er ist kein Rabenvater. Aber er ist von einem Menschen zu einem Raben geworden. Es ist
ein Fluch. Ich schwöre, er ist ein guter Vater. Ich bin es, der ein schlechter Vater ist, ich allein..." und erzählte den Menschen,
die plötzlich stumm ihm zuhörten, was damals vor vielen Jahren geschehen war.
"Meinem Bub`" sprach er, "trifft die Schuld, dass er sich an einer Kreatur vergangen hat auf mein Geheiß. Den Hof, den ich
ihm zu seiner Hochzeit hergab, auf dem er heute is`, war im selben Jahr von einer schlimmen Plage heimgesucht, die
älteren unter euch werd`s euch erinnern, dass auf jede Ähre, die zur Reife stand, bald eine Krähe kam. Um die Ernte zu
retten und weil meines Sohnes Frau, Gott hab` sie selig, in anderen Umständen lag, befahl ich ihm: gehe hin auf das Feld
und schleudere mit einem Stein eine Krähe vom Himmel herab, steche ihr beide Augen aus und werfe sie zurück in den
Himmel, so wirst du von der Plage befreit sein. Mein Sohn fürchtete sich vor solcher Tat aber gehorchte. Als er vom Felde
heimkam, gebar seine Frau hintereinander vier Töchter. Sie starb nach der letzten Geburt und blieb nichts weiter übrig von ihr,
als eine leblose, weiße Taube. Mein armer Bub`, er weinte bitterlich und begrub das zarte Tier unter der alten Linde neben
dem Haus; und saß so jede Nacht davor und schluchzte in das kleine Grab. Am Tage hütete er die Kinder und ward ihnen ein
liebender Vater, bei Nacht fütterte er sie und waren sie nur noch ein Rabe und vier weiße Tauben." Da brach der alte Mann in
schlimme Tränen aus und rief: "Mein Gott, was habe ich angerichtet, dass diese Krähe im Himmel noch lebte und meinen
Sohn für seine Tat verfluchte auf das er lebe und sterbe wie diese Kreatur und alle vom Fluche befallen sind, welche er von
ganzem Herzen liebt!" Da hatten drei Frauen aus der Zuhörerschaft Mitleiden mit dem alten Mann, gingen hin zu ihm und
trösteten ihn, und der Lottringer Franz sagte: "Dann san`s ja die weißen Tauben, welche die vielen Vöigin rumkommandieren
leibhaftige Menschen ? Deshalb die Ernt` so pfundig lauft beim Greitenhuber heroben und er nix schaffen braucht!"
Und sagte ein junger Bursche: "Die armen Madeln, was is`n des für`n Leben weshalb trotzdem so glücklich sind ?"
Da sprach der alte Mann: "Sie wissen es nicht. Sie kennen nur dieses eine Leben. Es begann mit ihrer Geburt. Unter den
Vögeln ist ihr Zuhause und alle Vögel sind nur gut zu ihnen. Sie entbehren nichts. Sie herrschen über diese Welt, die groß und
voller Freiheit ist, also über die Lüfte, darin ihre Heimat ist."
Damit stand er auf, drehte den Leuten seinen Rücken zu und ging.
"Aber der Fluch ?" rief eine alte Frau hinter ihm her, "der muß weg. Der wird unser ganzes Dorf ins Unglück reiß`n !" Der alte
Mann hörte, was die Frau sprach, drehte sich um zu ihr und sagte: "Ist einer unter euch, welcher den Kindern das Liebste,
ihren Vater, nimmt, und grausam genug ist, ihm das Augenlicht auszustechen, dem sei es überlassen. Aber er bedenke die
Schuld, die er sich und den Seinen auferlegt und das kein Fluch jemals verpufft."
Die mahnenden Worte des Alten hielten lange fest in den Herzen der Menschen und sie brachten dem Greitenhuber und künftig
allen Kreaturen ihren heilsten Respekt entgegen. Und als es eines Tages hieß, der Greitenhuber sei eines natürlichen Todes
gestorben, da feierten sie für ihn ein großes Seelenfest und trauerten ein ganzes Jahr.
Die vier herzallerliebsten Töchter, über sie war der Fluch in wenigen Nächten abgeklungen, hatten bald jede einen Gemahl und
lebten so glücklich wie je zuvor bis an ihr Ende.
CS

Sternschnüppchen
Es war einmal ein Stern, der hatte viele, viele Kinder. Das jüngste hieß Sternschnüppchen und war so recht ein Wildfang.
Es hüpfte und tanzte, glitzerte und blinkte und lachte und plapperte im Himmel und war so lebensfroh, dass es für alle
Gestirne eine Freude war, dem Winzling mit kurzem Schweif und lustigen Sonnensprossen im Gesicht in dem ewigen
Dunkel zuzusehen und brachte ihm so viel Beifall, dass es sich in der ganzen Galaxie herumsprach. "...darf ich
Schnüppchen einladen zu meinem Geburtstag ? Es ist so klug und so gesprächig..." bat Vegalus aus dem Sternbild
Orion seine Mama, der viele, viele Lichtjahre entfernt wohnte. "...dürfen wir Schnüppchen in unser Tanztheater aufnehmen ?
Es ist so drollig und so begabt..." baten die Ballettschülerinnen des unruhigen Sternenhäufchens Omega das strahlende
Fräulein Quarks um Zustimmung. "...darf das Schnüppchen uns begleiten auf eine Umlaufreise durch das All ? Es ist so
fröhlich und verständnisvoll..." fragte ein Kometenhagel, der soeben zum zweieinhalbmillionsten Mal an Schnüppchens
Sternenfamilie vorbeiregnete. Und kam so eins zum anderen und konnte sich das Schnüppchen bald kaum noch retten
vor lauter Einladungen und sagte zu, wo es nur konnte und die Mutter es ihm erlaubte. Und es brachte erstaunliche
Erkenntisse mit von seinen Ausflügen wovon es seinen Geschwistern minuziös berichtete , und es erzählt immer so
fröhlich und alle lachten, weil es so lustige Geschichten waren.
Mal kam es nach Hause und sagte: " Ich weiß jetzt, was eine Sternstunde ist!"
"Was denn ?" fragten die anderen. Und Schnüppchen antwortete : "Eine Sternstunde ist die Entfernung zwischen zwei
Sternen. Wenn ich dem anderen etwas zurufe und es dauert eine Stunde bis er mich hört, dann ist das eine Sternstunde!"
Oder es kam und sagte: "Ich habe heute einen Asteroidengürtel anprobiert, aber die Verkäuferin meinte, es würde noch
ein Weilchen dauern, bis ich da hineinpasse!" Ein andermal schoss es wie eine Billardkugel daher, schlug Haken und
Ecken und stubste seine Geschwisterchen an Bauch und Pöchen an und rief: "Seht her, ich bin ein Fixstern! Fix bin ich da,
fix bin ich dort, fix bin ich an jedem Ort!"
Wenngleich jeder wußte, was Schnüppchen da erzählte, hatte es sich das meißte selbst ausgedacht, wagte niemand
es etwa zu verspotten. Denn wenn man es fragte beispielsweise was die Super Nova sei oder das schwarze Loch oder
ein Pulsar, so wußte es die rechte Antwort sogleich, und zu der Freude über den Humor des kleinen Schalks, kam der
Respekt über den erstaunlichen Wissensreichtum, welchen das Schnüppchen, jung wie es war, so früh schon besaß.
Aber das Schnüppchen hatte neben allem Glück auch Leid mitansehen müssen und war bekümmert über die traurigen
Gesichter mit welchen seine Brüder und Schwestern bisweilen nach Hause kamen. "Weshalb bist du so traurig ?" fragte
es dann und kuschelte sich ganz weich an das Herz des Geschwisterchens. Das antwortete: "Ach Schnüppchen! Sei du nur
immer gut und föhlich und fromm und tanze deine lustigen Lieder im Himmel. Uns wird die Arbeit mühselig und schwer und
sie will so gar kein Ende nehmen."
"Ei Schwesterchen, ei Brüderchen sprich...?" sagte das Schnüppchen "...was ist das für eine Arbeit und wird euch so
schwer... ?" Und wie die Geschwister das sahen, mit welchen großen, runden Augen und offenem Mund der süße Fratz
sie immer anblickte, da wollten sie ihm die Wahrheit noch nicht offenbaren und vertrösteten es mit den Worten: "Wir
bräuchten dich schon sehr, hab` noch Geduld. Du fliegst uns bald schon hinterher!" und nahmen das Schnüppchen wie so
oft in ihre Mitte und drückten und knuddelten es mit ihren feurigen Zacken, bis es vor lauter Lachen seinen kleinen Kummer
vergessen hatte.
Es wuchs und gedieh das Schnüppchen in der ewigen Zeit. Aus seinen acht Zacken wurden sechzehn, sein Schweifchen
wurde deutlicher und länger und seine Verabredungen fanden in immer größeren Fernen statt. Was bislang nie geschah,
sich aber ereignen sollte, hatte das Schnüppchen so sehr betroffen, dass es zum ersten Mal ganz für sich selbst ein Leiden
empfand, und es war ihm, als wollten die Tränen nimmer erlöschen. Es kehrte zurück aus dem unendlichen Weltenall, hatte
Onkel, Tanten und zwei Neffen besucht und bedachte eine schnelle Abkürzung quer durch die Milchstraße zu nehmen.
Da kam es im äußeren Drittel des siebenten Spiralarms der Galaxie zu einer seltsamen Begegnung. Schnüppchen tauchte
ein, in ein ihm unbekanntes Umlaufsystem, wo ein großer, kugeliger Stern das Zentrum bildete mit neun Planeten und ihren
Monden drumherum. Es zählte die Planeten alle und erblickte, das einer unter ihnen völlig verschieden aussah. Es kannte
dunkle und helle, rote, gelbe, graue, ja, sogar braune Planeten, aber hatte es nie zuvor einen blauen gesehen. "Ein blauer
Planet...!" sagte es leise vor sich hin und es erinnerte sich, dass in seiner Familie von so einem blauen Planet irgendwann
einmal die Rede gewesen war und erinnerte sich weiter, dass in dem Zusammenhang von der Erde gesprochen ward. Es
drosselte also seine Geschwindigkeit und wollte ein Weilchen auf die Erde hinuntersehen, da hörte es ganz plötzlich viele,
viele unterschiedliche Stimmen. Die sprachen: "Lieber Stern, ich wünsche mir, dass mein Papi wieder gesund wird..."
"Ich wünsche mir so sehr ein Kind..." "Ich wünsche mir eine Puppe, die man sprechen lassen kann..." "Lieber Stern, ich
wünsche so sehr mich einmal satt essen zu können..." "Ich wünsche mir, dass endlich der grausame Krieg aufhört..."
"Ich wünsche mir von dir lieber Stern, laß bitte meine Katze wieder nach Hause kommen..." "Ich wünsche mir... ich wünsche
mir... ich wünsche mir..." Da bekam das Schnüppchen ganz heftiges Herzklopfen wie es das alles hörte und bekam es mit
der Angst, und es eilte so rasch es nur konnte nach Hause und plumpste der Mutter in ihren warmen, weichen Schoß.
"Mutter, ach Mutter...!" rief es und weinte und schluchzte bitterlich "...mir ist etwas schreckliches passiert!" Da streichelte
die Mutter mit ihren goldenen Zacken das Schnüppchen und sagte mit ihrer weichen, brummigen Stimme: "Sprich`s aus
mein Kind, wenn`s dir zumute ist. Was ist geschehn ? Hast du dich verletzt ?" "Ach nein..." antwortete das Schnüppchen
und schluchzte noch tiefer "...nicht verletzt. Erschreckt habe ich mich. Ganz fürchterlich erschreckt!" Da gab die Mutter
ihrem Schnüppchen einen Kuß auf die Stirn, wischte ihm dieTränen ab und sagte: "Nun beruhige dich mein Kind...nur ruhig.
Es werden dir schon keine Gespenster begegnet sein...oder doch ?" Aber das Schnüppchen war ganz und gar nicht zu
Scherzen aufgelegt und weinte bitterlich fort, und die Mutter tröstete es und bot ihm Gehör. Da schilderte es was ihm
widerfahren war und das die seltsamen Stimmen über dem blauen Planet sein Herz angerührt hätten. Und wie es sich
ausgeweint und beruhigt hatte, da kamen die Brüder und Schwestern herbei und alle weihten sie das Schnüppchen ein in
das, was bisher ihm verborgen war.
So erfuhr es von dem blauen Planet und das auf ihm die Menschen wohnten; dass die Menschen ihren Planet Erde hießen
und das es Wünsche seien, jene Stimmen, die es wahrgenommen, und das dies von nun an auch seine Verrichtung sei,
wie es die Verrichtung aller Sterne sei, als ein Lichtlein mit langem Schweif über dem Erdenhorizont hinzufliegen,
die Sehnsüchte der Menschen einzufangen und fortzutragen zu der erwürdigen Sonne hin, jedwedem Stern im Zentrum der
Planeten, welche die Sehnsüchte aller Geschöpfe zu deren Wohle erfüllte. Dann tat der älteste unter den Brüdern sich
hervor und sagte: "So will ich es sein, der das Schnüppchen hinnimmt zur ehrwürdigen Sonne und ihm seine Aufgabe im
Himmel nahebringt!"
"Aber du warst schon zwei Mal dran..." beschwerten sich die übrigen Geschwister "...Saggitarius mindestens vier...wir
wollen auch mal das Jüngste zur Sonne begleiten!" und es brach eine regelrechte Stimmung aus, wer denn nun mit wem...
wie oft... und wieviel insgesamt...und man einigte sich, das alle das Schnüppchen begleiten sollten. "Es wäre so recht ein
Feuerwerk im Himmel..." bemerkte Saggitarius "...und ein Zeitvertreib obendrein!" Da war kein Halten mehr unter den
Sternenkindern und sowie sie den Segen von der großherzigen Mutter empfangen hatten, faßten sie sich hintereinander an
ihre Zacken und waren im Nu auf der Reise. Während sie so eilig dahinflogen und alle sich die Zeit mit akrobatischen
Flugmanövern verdingten, war es Schnüppchen mit einem Mal nicht mehr wohl. Es wedelte aufgeregt um seinen großen
Bruder herum und sagte: "Saggitarius, ich ängstige mich!"
"Aber weshalb... ?" erwiderte Saggitarius, "...Du bist sehr klug und schon viel rumgekommen in der Welt. Macht es dir
etwa keinen Spaß etwas Neues zu entdecken ?"
"Oh doch, schon..." antwortete das Schnüppchen, "...es mag nur damit zusammenhängen, dass die Stimmen in meinem
Herzen mich noch immer traurig machen!"
"Das ist´s gewiß, aber tut nicht not..." sagte Saggitarius "...das die Menschen dich erreicht haben und du nicht darauf
vorbereitet warst, ist bedauerlich aber kein Unglück. Du wirst darüber hinwegkommen. Spätestens wenn die ehrwürdige
Sonne dich in ihre Arme und ihr Herz geschlossen hat."
Da war es das Schnüppchen zufrieden und tat ihm das Herz gleich nicht mehr so weh. Und wie sie hingekommen waren
im Zentrum der Planeten, da freute sich die Sonne sehr über die Ankunft der putzigen Lichter und das sie so zahlreich
waren. Sie schlug ihre freundlichen Augen auf, bewegte ihren großen Mund und sagte: "Willkommen! Wie ist es mir eine
Ehre so viele fröhliche Sternlein begrüßen zu dürfen..." und vermutete schon, sie wären in so großer Zahl angereist, um sie
über ein bevorstehendes, feierliches Ereignis zu unterrichten. Sie begrüßte jedes Sternenkind bei seinem Namen - jedes
verbeugte sich artig vor der ehrwürdigen Sonne - und wie es das Schnüppchen an die Reihe kam, da hatte das kleine
Ding doch wieder seine Furcht und zitterte am ganzen Leib, das selbst die ehrwürdige Sonne ein wenig erschrak und
einen Augenblick lang sich nicht zu helfen wußte. Da kreisten alle Geschwister ihr Schnüppchen ein und sprachen: "Tu du
nur deine Pflicht und spreche die Wünsche der Menschen in der lieben Sonne Gesicht!" Daraufhin sandte die Sonne ihre
Strahlen aus, die das Schnüppchen ganz warm und weich, ganz behutsam anfaßten,und es redete sich die vielen Wünsche
der Menschen ganz herzlich von seiner Seele und ließ keinen einzigen aus. Und war es hernach so erschöpft, dass die
ehrwürdige Sonne es schutzbefohlen nahm und es zu den Engeln hinaufreichte. Da geschah, dass sich die Himmelspforte
aufschloß. Ein Engel kam und sah das Sternenkind, und die Sonne sprach zu dem Engel: "Nehmet hin und fürsorget ihm.
Allein die schwere Arbeit hier,das Wehklagen der Menschen an mich zu überbringen - es hat so sehr ein mitfühlendes Herz,
dass ich fürchte, es könnte zerbrechen. So will ich es euch anvertrauen und Gottvater selbst ihm zu gewähren Hand
anzulegen an die Not, damit es Kraft seines göttlichen Wirkens auf Erden, die Menschen vor Tod und Unheil bewahrt."
Und der Engel nahm das Schnüppchen bei seinen Zacken, bedankte sich herzlich bei der ehrwürdigen Sonne und bat ein
Geschwisterchen - Saggitarius, welcher die Verantwortung für das Schnüppchen bisher besaß, seine Schwester in das
Himmelreich hinauf zu begleiten. Dort erwachte das Schnüppchen nach tiefem, erholsamen Schlaf und lag da in einem
Bettchen von Kornblumen fein. Ein Bächlein rauschte nah. Ein Rehlein leckte
an seiner Hand und bevor es die Äuglein auftat, da sprach`s von seiner Seite her: "Wach auf Geschwisterchen, wach auf!
Ich bin es, Saggitarius, dein Bruder. Geschwisterchen, wach auf!" Und wie es die Äuglein so friedlich auftat, saß neben
ihm eine wundersame Erscheinung, ein Engel in silberweißem Gewand. Und alles grünte und blühte ringsumher, die
Vöglein zwitscherten an dem blauen Himmel und schien die Sonne glutrot über dem Horizont. "Ich habe unsere
Schwesterchen und Brüderchen nach Hause geschickt..." sprach der Engel fort "...unserer lieben Mutter die frohe Botschaft
zu überbringen. Und sieh nur, sie mich an, es ist ein Wunder...sieh dich an, du und ich, wir sind zu Schutzengeln befohlen!"
Da reichte das Brüderchen seinem Schwesterchen die Hand und wie es sich aufrichtete von seinem Bettchen, sah es, hatte
es ein menschliches, eine wunderschöne Mädchengestalt und hatte es Beine und Füße, Arme und Hände und goldenes,
wallendes Haar und ein seidensilbernes Leinengewand bedeckte seinen Körper, so dass es weder frohr noch Hitze fühlte
und war so voller Liebe und Glück in seinem Herzen, das es nichts als Dankbarkeit empfand. Da umarmten sich die beiden
Geschwister und gingen lautlos in die Welt. Und sowie sie einem Menschen begegneten, einer Frau, einem Mann, einem
Kind, und es hatte seinen schlimmen Kummer und trug selber keine Schuld, da fühlten sie dem Menschen in sein Herz
und trösteten und beschützten ihn und sprachen ihm die frohe Botschaft in sein Gewißen: "Die liebe Sonne bringt es an
den Tag." Seitdem spüren die Menschen und besitzen sie den Wunsch sich mit Sternen zu unterhalten. Und wenn einmal
eine Sternschnuppe am Nachthimmel zu sehen ist, so wissen sie es...geht irgendwo ein Wunsch in Erfüllung.
CS

Autorenhomepage Christian Sander/www.lesezeichen100.de/copyright 2009
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